Nationale Ebene: Wie Kreislaufwirtschaft in Deutschland gelingen kann
Deutschland kann als wirtschaftlich starkes, innovatives Land im Herzen Europas eine Schlüsselrolle beim Wandel zum produktzentrierten Wirtschaftssystem übernehmen. Mit seiner Tradition als Industrienation, seinem hohen technischen Bildungsniveau und seinem Qualitätsbewusstsein bringt es gute Voraussetzungen mit, um Kreislaufwirtschaft in Deutschland voranzutreiben und davon zu profitieren. Hier stehen meine Vorschläge für vier Handlungsfelder.
Das Wichtigste in Kürze
- Wirtschaftsförderung: Fördergeld gezielt in langlebige, reparierbare Produkte lenken statt in Umsatz- oder Beschäftigungswachstum allein.
- Bildung und Forschung: Kreislaufwirtschaft und Produktlebenszyklus in Lehrpläne und Studium, interdisziplinäre Forschung.
- Steuern: Reparatur und langlebige Produkte steuerlich begünstigen. Schweden hat 2017 die Mehrwertsteuer auf Reparaturen von Fahrrädern, Schuhen und Kleidung halbiert.
- Soziale Absicherung: Beschäftigte im Wandel begleiten, Qualifizierung für Reparatur und Service.
- Vorbild Reparaturbonus: Österreich zahlt seit 2022 die Hälfte der Reparaturkosten für Elektrogeräte, bis zu 200 €; im ersten Jahr wurden 567.076 Reparaturbons eingelöst. EU-United schlägt einen bundesweiten Reparaturbonus vor.
Deutschland in Zahlen
Laut Eurostat stammten 2024 in Deutschland 14,8 % der eingesetzten Materialien aus der Kreislaufführung, im EU-Schnitt 12,2 % (Eurostat, cei_srm030). Deutschland liegt damit über dem Durchschnitt – aber noch immer kommen mehr als 85 % der Materialien nicht aus dem Kreislauf. Die EU will den Anteil laut ihrem Aktionsplan Kreislaufwirtschaft von 2020 innerhalb von zehn Jahren verdoppeln.
Wirtschaftsförderung neu ausrichten
Ziel ist ein Fördersystem, das nicht mehr vor allem Unternehmen oder Branchen unterstützt, sondern gezielt nachhaltige, langlebige und hochwertige Produkte – unabhängig von Unternehmensgröße und Branche.
Vorschläge
- Produkt-Innovationsfonds: ein staatlicher Fonds für nachhaltige, langlebige Produkte mit Schwerpunkt auf Schlüsseltechnologien und strategischer Unabhängigkeit.
- Produktorientierte Förderprogramme: bestehende Programme an Qualität, Langlebigkeit und Kreislauffähigkeit ausrichten statt an Umsatz- oder Beschäftigungswachstum allein.
- Gründungsförderung: gezielte Unterstützung für Start-ups mit langlebigen, reparierbaren Produktkonzepten.
- Umbau bestehender Industrien: Förderung für etablierte Branchen, die auf produktzentrierte Geschäftsmodelle umstellen.
- Regionale Produktkompetenzzentren: Beratung in den Bundesländern, passend zu deren Wirtschaftsstruktur.
- Bundesweiter Reparaturbonus: nach dem Vorbild Österreichs und Thüringens (siehe unten).
Bildungs- und Forschungsoffensive
Ziel ist ein Bildungs- und Forschungssystem, das kritisches Denken, ganzheitliches Herangehen und die enge Verbindung von Wissenschaft und praktischer Produktentwicklung fördert.
Vorschläge
- Lehrpläne: Kreislaufwirtschaft, Lebenszyklusanalyse und nachhaltiges Design in allen passenden Bildungsgängen verankern.
- Interdisziplinäre Forschungszentren: technische, ökologische, soziale und ökonomische Sicht auf Produktinnovationen verbinden.
- Duales Studium 2.0: ganzheitliches Verständnis des Produktlebenszyklus im dualen Studium.
- Forschungsfreiheit: Grundlagenforschung und freien wissenschaftlichen Diskurs stärken – die Basis großer Innovationen.
- Nationaler Produktdesign-Wettbewerb: jährlich, für innovative, langlebige Produktkonzepte.
Wie ein Land Lehrpläne erfolgreich entschlackt, zeigt Singapur – mehr dazu im Beitrag Teach Less, Learn More.
Steuern modernisieren
Ziel ist ein gerechtes Steuersystem, das langlebige, ressourcenschonende Produkte begünstigt und Reparatur und Wiederaufbereitung fördert.
Vorschläge
- Mehrwertsteuer nach Lebensdauer: gestaffelte Sätze je nach Garantiezeit und Reparierbarkeit.
- Steuergutschriften für Reparatur: Vergünstigungen für Reparaturdienstleistungen und Ersatzteilproduktion.
- Ressourcensteuern: die Steuerlast schrittweise von Arbeit auf Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung verlagern.
- Abschreibungen: bessere Bedingungen für langlebige Produktionsanlagen und produktzentrierte Geschäftsmodelle.
- Bonus für Kreislaufwirtschaft: Steuervorteile für Unternehmen mit hohen Recycling- und Wiederverwendungsquoten.
Soziale Absicherung im Wandel
Ziel ist ein moderner Sozialstaat, der den Strukturwandel zum produktzentrierten Wirtschaftssystem aktiv begleitet.
Vorschläge
- Transformationsfonds: Unterstützung für Beschäftigte in Branchen, die sich besonders stark verändern.
- Qualifizierungsoffensive: Weiterbildung für Reparatur, Aufarbeitung und produktbegleitende Dienstleistungen.
- Soziale Innovation: Förderung sozialer Unternehmen rund um nachhaltige Produkte.
- Gemeinwohl-Infrastruktur: Repair-Cafés, offene Werkstätten und lokale Tauschplattformen unterstützen.
Vorbilder: Was andere schon tun
- Österreich – Reparaturbonus: Seit 2022 übernimmt der Staat 50 % der Reparaturkosten für Elektro- und Elektronikgeräte, höchstens 200 € je Reparatur, finanziert aus dem EU-Aufbauplan. Im ersten Jahr wurden 567.076 Reparaturbons eingelöst, am häufigsten für Smartphones (Bundeskanzleramt Österreich).
- Thüringen – Reparaturbonus: Die Hälfte der Kosten, bis zu 100 € pro Person und Jahr; rund 50.000 Menschen nutzten ihn. Ab 2026 wurde er aus Haushaltsgründen eingestellt (EUWID) – ein Grund mehr für eine verlässliche bundesweite Lösung.
- Schweden – weniger Steuer auf Reparaturen: Seit 2017 gilt für Reparaturen von Fahrrädern, Schuhen und Kleidung 12 % statt 25 % Mehrwertsteuer (Sveriges Radio).
Fazit
Die Umsetzung erfordert politischen Mut, gesellschaftlichen Konsens und unternehmerische Weitsicht. Deutschland kann seine wirtschaftliche Stärke in den Dienst einer nachhaltigen Zukunft stellen und zum Motor des produktzentrierten Wirtschaftssystems in Europa werden – eingebettet in den europäischen Rahmen und getragen von den Bundesländern. Wie der Staat dafür selbst schlanker und digitaler werden kann, zeigt der Beitrag Einstellungsstopp mit Plan.
Mitdenken erwünscht
Du hast eine Idee, einen Einwand oder kennst ein gutes Beispiel? Schreib mir – über das Formular oder per E-Mail an info@eu-united.de.
Häufige Fragen
Wie steht Deutschland bei der Kreislaufwirtschaft da?
2024 stammten in Deutschland 14,8 % der eingesetzten Materialien aus der Kreislaufführung, im EU-Schnitt 12,2 % (Eurostat). Deutschland liegt damit über dem Durchschnitt, doch der größte Teil der Materialien wird weiterhin neu gewonnen.
Was ist ein Reparaturbonus?
Ein staatlicher Zuschuss zu Reparaturkosten. In Österreich übernimmt der Staat seit 2022 die Hälfte der Kosten für die Reparatur von Elektrogeräten, bis zu 200 €. In Thüringen gab es bis 2025 bis zu 100 € pro Person und Jahr. EU-United schlägt einen bundesweiten Reparaturbonus vor.
Welche steuerlichen Anreize schlägt EU-United vor?
Gestaffelte Mehrwertsteuersätze nach Lebensdauer und Reparierbarkeit, Steuergutschriften für Reparaturen, eine schrittweise Verlagerung der Steuerlast von Arbeit auf Ressourcenverbrauch und bessere Abschreibungen für langlebige Anlagen.
Gibt es Vorbilder für niedrigere Steuern auf Reparaturen?
Ja. Schweden hat 2017 die Mehrwertsteuer auf Reparaturen von Fahrrädern, Schuhen und Kleidung von 25 % auf 12 % gesenkt.
Was passiert mit Arbeitsplätzen, die sich durch den Wandel verändern?
EU-United schlägt einen Transformationsfonds und eine Qualifizierungsoffensive vor, damit Beschäftigte in Reparatur, Aufarbeitung und produktbegleitende Dienstleistungen wechseln können.