Teach Less, Learn More: Was Deutschland von Singapur lernen kann
Ein produktzentriertes Wirtschaftssystem braucht Menschen, die nicht nur Wissen wiedergeben, sondern Zusammenhänge verstehen, Probleme selbstständig lösen und sich ein Leben lang weiterentwickeln. Damit beginnt es in der Schule.
Ein Land hat diese Frage vor zwanzig Jahren zur Leitlinie seiner Bildungspolitik gemacht: Singapur, mit dem Grundsatz „Teach Less, Learn More“ – weniger lehren, mehr lernen. Wir haben uns angesehen, was tatsächlich dahintersteckt, was die Zahlen zeigen und wo die Grenzen liegen. Den Anstoß dazu gab der Handelsblatt-Artikel „Was das deutsche Bildungssystem von den Pisa-Siegern lernen kann“ vom 15. Oktober 2026 – eine Reise zu den besten Bildungssystemen der Welt.
Das Wichtigste in Kürze
- „Teach Less, Learn More“ ist seit 2004/2005 Leitlinie der Bildungspolitik in Singapur: weniger Stoff, mehr Verständnis.
- Singapur kürzte den Lehrstoff um 10–20 %, nahm die gestrichenen Teile aus den Prüfungen und gab jeder Lehrkraft bis 2010 zwei Stunden pro Woche für Planung zurück – auch durch zusätzliches Personal für Verwaltungsaufgaben.
- In PISA 2022 erreichen in Singapur 92 % der 15-Jährigen in Mathematik mindestens die Grundstufe, in Deutschland 70 % (OECD-Schnitt: 69 %).
- Aber: Auch in Singapur hängt Bildungserfolg stark vom Elternhaus ab, und der Prüfungsdruck ist geblieben.
- EU-United will die Stärken übernehmen – weniger Stoffdruck, mehr Zeit für Lehrkräfte –, ohne die Schwächen zu importieren.
Unsere Ausgangsthese
Ein Bildungssystem sollte nicht in erster Linie darauf ausgerichtet sein, möglichst viel Wissen zu vermitteln, sondern Menschen dazu befähigen, Wissen zu verstehen, anzuwenden, kritisch zu hinterfragen und selbstständig Neues zu entwickeln.
Das heißt ausdrücklich nicht, dass Grundlagen unwichtig werden. Ohne sichere Kenntnisse in Sprache, Mathematik, Naturwissenschaften und Gesellschaft lassen sich komplexe Probleme nicht lösen. Aber der Erfolg einer Schule sollte sich daran messen, was Menschen gelernt haben und damit anfangen können – nicht daran, wie viel Stoff durchgenommen wurde.
Was Singapur konkret gemacht hat
Die Leitidee stammt aus der ersten großen Grundsatzrede von Premierminister Lee Hsien Loong im August 2004. Ein Jahr später, im September 2005, legte das Bildungsministerium konkrete Maßnahmen vor. Das Ziel formulierte es so: Schülerinnen und Schüler sollen „auf das Leben vorbereitet werden, mehr als auf Prüfungen“ (Bildungsministerium Singapur, Pressemitteilung vom 22.09.2005).
Die wichtigsten Schritte:
- 10 bis 20 % weniger Lehrstoff in den inhaltsbasierten Fächern, von der Grundschule bis zur Mittelstufe. Die gestrichenen Teile wurden auch aus den Abschlussprüfungen genommen.
- Freiraum statt Stoffdruck: Die gewonnene Zeit („white space“) konnten Lehrkräfte selbst gestalten – für Projekte, Vertiefung und andere Unterrichts- und Prüfungsformen.
- Zwei Stunden pro Woche mehr Zeit für jede Lehrkraft bis 2010: eine Stunde fest im Stundenplan für Planung und Austausch, eine weitere durch zusätzliches Personal, das Lehrkräften Verwaltungsaufgaben abnimmt.
- Von unten nach oben: Schulen sollten neue Ansätze selbst erproben, das Ministerium stellte Mittel bereit, und bewährte Lösungen wurden an andere Schulen weitergegeben.
- Mehr Fortbildung und erfahrene Lehrkräfte als Mentoren für Berufseinsteiger.
Bemerkenswert: „Weniger lehren“ hieß in Singapur nicht weniger Anspruch, sondern mehr Zeit für Verständnis – und mehr Zeit der Lehrkräfte für ihre eigentliche Aufgabe.
Was die Zahlen zeigen
In der PISA-Studie 2022 der OECD liegt Singapur in Mathematik weit vorn (OECD, Länderbericht Singapur, OECD, Länderbericht Deutschland):
| PISA 2022, Mathematik | Singapur | Deutschland | OECD-Schnitt |
|---|---|---|---|
| erreichen mindestens die Grundstufe (Stufe 2) | 92 % | 70 % | 69 % |
| gehören zur Spitzengruppe (Stufe 5 oder 6) | 41 % | 9 % | 9 % |
Fast jede bzw. jeder dritte 15-Jährige in Deutschland erreicht in Mathematik nicht die Grundstufe. Seit 2012 ist dieser Anteil um 12 Prozentpunkte gestiegen – in Singapur blieb er stabil.
Was die Zahlen nicht zeigen
Wir wollen sauber bleiben: PISA beweist nicht, dass „Teach Less, Learn More“ allein diesen Erfolg verursacht hat. Singapurs Bildungssystem hat viele weitere Besonderheiten.
Und Singapur ist kein perfektes Vorbild. Der Leistungsabstand zwischen sozial begünstigten und benachteiligten Jugendlichen ist dort mit 112 Punkten genauso groß wie in Deutschland (111 Punkte) – und deutlich größer als im OECD-Schnitt (93 Punkte). Auch in Singapur hängt Bildungserfolg also stark vom Elternhaus ab.
Hinzu kommt: Der Prüfungsdruck ist geblieben. Familien in Singapur gaben 2023 laut der staatlichen Haushaltsbefragung rund 1,8 Milliarden Singapur-Dollar für private Nachhilfe aus – obwohl das Bildungsministerium seit Jahren versucht, die Fixierung auf Noten abzubauen (Statistikamt Singapur, 22.01.2025). Freiraum im Lehrplan hilft wenig, wenn am Ende doch allein die Prüfungsnote über den weiteren Weg entscheidet.
Unser Schluss: Die Stärken übernehmen, ohne die Schwächen zu importieren.
Was die Lernforschung sagt
Ein Kern von „Teach Less, Learn More“ ist, dass Lernende Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen. Dazu passt ein gut untersuchter Befund: Wer lernt, das eigene Lernen zu planen, zu überprüfen und zu verbessern (Metakognition und selbstreguliertes Lernen), macht nach der Auswertung der britischen Education Endowment Foundation im Schnitt rund acht Monate mehr Lernfortschritt – bei sehr geringen Kosten und auf breiter Studienbasis (EEF, Teaching and Learning Toolkit). Die EEF weist aber auch darauf hin, dass sich diese Wirkung in der Praxis nur schwer erreichen lässt: Lehrkräfte brauchen dafür Unterstützung und Zeit. Genau die hat Singapur ihnen gegeben.
Was das für Deutschland heißen kann
Die Frage ist nicht nur, ob deutsche Lehrpläne zu voll sind. Wir sehen sechs Handlungsfelder:
| Handlungsfeld | Leitfrage |
|---|---|
| Lerninhalte | Was müssen Kinder wirklich wissen und können? |
| Unterricht | Wie werden aus Zuhörenden aktiv Lernende? |
| Lehrkräfte | Wie schaffen wir mehr Zeit für individuelle Förderung? |
| Leistungsbewertung | Wie messen wir Verständnis und Entwicklung statt nur abfragbares Wissen? |
| Chancengerechtigkeit | Wie machen wir Bildungserfolg unabhängiger vom Elternhaus? |
| Ausbildung und Beruf | Wie schaffen wir lebenslange Lernfähigkeit statt einmaliger Qualifikation? |
Singapur gibt auf zwei davon sehr konkrete Antworten: Lehrstoff gezielt kürzen und auch aus den Prüfungen nehmen – und Lehrkräften Zeit zurückgeben, indem man ihnen Verwaltungsarbeit abnimmt. Genau das wollen wir auch für Deutschland untersuchen, etwa durch digitale Entlastung bei Dokumentation und Organisation – mehr dazu in unserem Beitrag Einstellungsstopp mit Plan.
Dabei gilt: Bildung ist mehr als wirtschaftliche Verwertbarkeit. Demokratieverständnis, Kultur, Ethik und persönliche Entfaltung gehören genauso dazu.
Beispiel: Ein Fahrrad als fächerübergreifendes Lernprojekt
Schülerinnen und Schüler untersuchen, wie ein Fahrrad funktioniert, woher seine Materialien stammen, wie viel Energie seine Herstellung braucht und wie es repariert oder wiederverwendet werden kann:
- Physik und Mathematik: Kräfte, Übersetzungen, Energie, Berechnungen
- Geografie und Wirtschaft: Rohstoffe, Lieferketten, Herstellungskosten
- Technik und Informatik: Konstruktion, Sensorik, digitale Produktinformationen
- Gesellschaft und Umwelt: Mobilität, Ressourcen, Kreislaufwirtschaft
Das ersetzt keinen Fachunterricht, sondern verbindet Gelerntes und wendet es an – und es vermittelt genau die Denkweise eines produktzentrierten Wirtschaftssystems: Nutzen, Qualität und Lebenszyklus eines Produkts verstehen.
Wie es weitergeht
Dieser Beitrag ist der erste Schritt. Als Nächstes sehen wir uns an, wie andere europäische Länder wie Estland und Finnland vorgehen, und daraus entwickeln wir konkrete Vorschläge für Deutschland – mit Zuständigkeiten, Kosten und messbaren Zielen.
Die Leitfrage dabei:
Wie muss sich unser Bildungssystem verändern, damit junge Menschen nicht nur auf die Welt von heute vorbereitet sind, sondern die Welt von morgen selbst gestalten können?
Häufige Fragen
Was bedeutet „Teach Less, Learn More“?
„Teach Less, Learn More“ (weniger lehren, mehr lernen) ist ein bildungspolitischer Grundsatz aus Singapur. Premierminister Lee Hsien Loong rief ihn 2004 aus, das Bildungsministerium setzte ihn ab 2005 um. Ziel ist, Schülerinnen und Schüler „auf das Leben vorzubereiten, mehr als auf Prüfungen“ – mit weniger Stoff und mehr Zeit für Verständnis.
Was hat Singapur konkret geändert?
Der Lehrstoff in den inhaltsbasierten Fächern wurde um 10 bis 20 % gekürzt und aus den Prüfungen genommen. Die gewonnene Zeit gestalten Lehrkräfte selbst. Außerdem bekam jede Lehrkraft bis 2010 im Schnitt zwei Stunden pro Woche mehr Zeit für Planung und Austausch, unter anderem durch zusätzliches Personal für Verwaltungsaufgaben.
Wie schneidet Singapur bei PISA im Vergleich zu Deutschland ab?
In PISA 2022 erreichten in Singapur 92 % der 15-Jährigen in Mathematik mindestens die Grundstufe (Stufe 2), in Deutschland 70 %, im OECD-Schnitt 69 %. Zur Spitzengruppe gehören in Singapur 41 %, in Deutschland und im OECD-Schnitt je 9 %.
Ist Singapurs Bildungssystem gerechter als das deutsche?
Nein. Der Leistungsabstand zwischen sozial begünstigten und benachteiligten Jugendlichen ist in Singapur mit 112 PISA-Punkten genauso groß wie in Deutschland (111 Punkte) und größer als im OECD-Schnitt (93 Punkte).
Was kann Deutschland von Singapur lernen?
Vor allem zweierlei: Lehrpläne gezielt entschlacken und das Gestrichene auch aus den Prüfungen nehmen – und Lehrkräften Zeit zurückgeben, indem man ihnen Verwaltungsarbeit abnimmt. Den Prüfungsdruck und die Abhängigkeit vom Elternhaus sollte Deutschland dagegen nicht übernehmen.